Maria Delago und Theresa Lamprecht umrahmten mit wunderbarer Musik den beeindruckenden Abend. Großen Anklang fand die Eröffnungsrede von Mag. Elisabeth Rathgeb. Auf vielfachen Wunsch möchte ich die Eröffnungsrede den vielen Interessierten zu Kenntnis bringen.

 

Die Eröffnungsrede von Mag. Elisabeth Rathgeb

Hans Seifert – Kreuz und quer

Vernissage am 5.11.2012, Innsbruck-Hofburg

"Kreuz und quer"

Wie komme ich zur Ehre, hier in der Hofburg zur Vernissage mit Bildern von Hans Seifert zu sprechen?

Für eine Broschüre zum 50-jährigen Jubiläum des II. Vatikanischen Konzils war ich auf der Suche nach religiösen Bildern, nach „Kirchenbildern“ die

- plastisch und konkret, aber nicht glorifizierend sind

- eine spirituelle Aussagekraft haben, die keiner Erklärung und Gebrauchsanweisung bedarf

- einen Tirol-Bezug haben, aber nicht kitschig sind

Gefunden habe ich sie bei Hans Seifert.

Und damit könnte diese Rede auch schon enden, denn die Bilder von Hans brauchen keine Erklärung, keine Gebrauchsanweisung.

Sie haben die Kraft, für sich selber zu sprechen.

Deshalb möchte ich Ihnen nur einige Gedanken mit auf den Weg geben zu drei Themen, die in dieser Ausstellung vorkommen:

Kreuz, Kirche, Heimat 

(Ist es ein Kreuz mit der Kirche unserer Heimat?)

Alle drei Begriffe sind belastete Begriffe. 

Alle drei haben eine lange, wechselvolle Geschichte. 

Alle drei sind nicht bedenklich, aber bedenkenswert. 

Das versuche ich als Theologin und Historikerin, nicht aus künstlerischer Sicht – dazu wird Hans dann selber sprechen.

1.) Kreuz:

Wer ist der Tote da am Kreuz?

So hat vor einiger Zeit ein Kindergartenkind gefragt.

Wer ist der Tote am Kreuz?

Man kann heute auch in Tirol nicht mehr selbstverständlich voraussetzen, dass alle wissen: Dieser Tote am Kreuz heißt Jesus von Nazareth.

Aber auch für Christinnen und Christen bleibt die Frage aufrecht:

Wer ist dieser Jesus für mich? Wer ist Gott für mich?

Hans Seifert gibt in seinen Bildern Antwort:

Sie zeigen den barmherzigen Vater, der sich über die Rückkehr seines Sohnes freut: Unter dem Titel „Aufbrechen und Versöhnung“ verbindet er eine der berührendsten Bibelstellen mit dem Kreuzmotiv. Und wer genau schaut, entdeckt auch, dass „Vater und Mutter“ auf dem Bild zu sehen sind – Gott hat auch ein mütterliches Gesicht, nicht nur ein väterliches. Und wer noch genauer schaut, sieht: Gott überschreitet menschliche Grenzen - die Frau auf dem Bild ist Muslimin.

In den Kreuzbildern von Hans Seifert geht es nicht um eine Verherrlichung des Leids. Auch nicht um eine Verherrlichung des Todes.

Sie zeigen eine christliche Grundüberzeugung, die TheologInnen und Theologen über zwei Jahrtausende versucht haben, in Worte zu fassen:

Der Tod hat nicht das letzte Wort. 

Am Ende steht nicht das Kreuz, sondern die Auferstehung.

Und deshalb ist das Kreuz nie nur ein religiöses Symbol, sondern immer auch ein politisches: 

Es steht für Solidarität mit den Notleidenden, Unterdrückten, Ausgegrenzten und Schwachen. 

Es steht für eine Kultur des Lebens, nicht des Todes. 

Es steht für eine Kultur der Hoffnung und des Neuanfangs, nicht für eine Kultur des Scheiterns.

Alle diese Motive finden sich in den Kreuzbildern von Hans Seifert:

1) „Gefangennahme und Abschiebung“ – versehen mit dem Geheimschrift-Kürzel „AITM“ – „Auch in Tirol möglich“

2) „Gewalt und Missbrauch“

3) „Heimatlos und Obdachlos“ – „wie ER“

4) Aufbrechen und Versöhnung – auch zwischen den Religionen

Daher ist es ein sehr moderner „Kreuz-Weg“, der Zeugnis gibt von zeitgenössischen Kreuz-Erfahrungen und vielleicht auch von persönlichen - von durchkreuzten Lebensplänen, von Erlittenem. 

Aber auch von Versöhnung, Verzeihen, Hoffnung, Auferstehung.

2.) Kirche:

Die Kirchenbilder von Hans Seifert sind sehr oft „angekratzt“. 

Auf einigen – z.Bsp. den Prozessionsbildern – bläst den TeilnehmerInnen ein stürmischer Wind entgegen. So manche Fahne ist zerfetzt. Die Männer und Frauen stemmen sich gegen den Wind.

Aber sie gehen trotzdem.

Das gefällt mir so an diesen Bildern: Sie sind „Trotzdem-Bilder“.

In ihnen finde ich vieles wieder, was meinen Alltag als Seelsorgeamtsleiterin prägt. Und was mir selber auch wichtig ist:

Es bläst uns Christen und Christinnen heute auch in Tirol manchmal ein stürmischer Wind entgegen. Aber in meiner Wipptaler Zeit habe ich den Föhn lieben gelernt:

Frischer Wind tut gut. Er sorgt für saubere Luft. Und es steckt eine ungeheure Kraft in ihm. Es muss ja nicht gerade Hurrican Sandy sein, der zerstörerische Kräfte entwickelt hat, aber von einem „stürmischen Brausen“ ist schon in der Bibel die Rede, wenn es um den Hl. Geist geht. Also ist frischer Wind grundsätzlich etwas Positives in der Kirche, und nichts wovor man sich fürchten oder worüber man sumsen und jammern muss.

Auch die Kirchenbilder von Hans Seifert sind politische Bilder:

Sie drücken sich nicht vor den Spannungen und heißen Themen in der heutigen Kirche, wenn es z.Bsp. um das Verhältnis von Männern und Frauen oder Priestern und Laien geht. Oder um den Umgang mit Geschiedenen oder Wiederverheiratet Geschiedenen.

Und sie werfen die Frage nach der Tradition auf:

Gerade Prozessionen mit Monstranz, Fahnen und Trachten und Musikkapelle und Schützen sind manchen in Tirol suspekt oder dienen maximal noch als Kulisse für die Tirol-Werbung:

Manche belächeln sie, andere schütteln den Kopf über die „Ewiggestrigen“.

Gesunde Distanz ist gut. Ein differenzierte Blick tut gut, um nicht in alte Blut und Boden-Geschichten zu verfallen. 

Aber in der heutigen Zeit wird die Teilnahme an einer Prozession wieder mehr zu einem Bekenntnis:

Wir gehen mit und für unseren Gott auf die Straße.

Wir machen uns gemeinsam auf den Weg.

Wir hüten das Feuer, nicht die Asche.

Und deshalb liebe ich Prozessionen.

3.) Heimat:

Auch die Heimatbilder von Hans Seifert sind oft „angekratzt“ nach seinem Motto: „Es war nie die heile Welt – damals nicht und heute nicht. Aber das muss sie auch nicht sein.“ Seine Heimatbilder folgen verschiedenen Stichworten:

Durchblicke, Weg-Bilder, Aschenbilder, Glasbilder, Zahlenbilder…

Achten Sie auf die „Durchblicke“, die die Ausstellung ermöglicht: Das Bild ganz hinten an der Wand ist ein typisches Hans-Seifert-Heimatbild: Die Häuser stehen auch für Menschen. Die Schatten und Kratzer für die Falten, die das Leben gräbt. Die Fenster für Licht- und Durchblicke, der Schatten für die dunklen Lebenserfahrungen: „Aber wie würden wir es auf der Erde aushalten ohne Schatten?“ – O-Ton Hans Seifert.

Auf dem Weg sein: Für Hans endet Heimat nicht an den Tiroler Landesgrenzen. Heuer hat er zum 5. Mal den Jakobsweg begangen. Pilgern, unterwegs sein, gehen – diese Motive sind zentrale Lebensmotive für ihn: „Ultreya“ – Geh weiter!, Schritt für Schritt, wie auf den Ocebrero am Jakobsweg.

Die Farben, die den Pilger umgeben, werden immer mehr zu Farben der Erntezeit – warmes Gelb und Ocker. Ernte- und Erdfarben. Der Lebensweg führt durch den Herbst.

Deshalb sind auch die Zahlenbilder Ernte- und Heimatbilder:

Sie zeigen die Lebensbilanz auf nüchterne Weise: Mit Nichts kommen wir auf die Welt. Mit Nichts verlassen wir sie wieder. 

Dazwischen liegen rote und schwarze Zahlen, Plus und Minus, Erträge und Schulden. 

Und dann sind da noch Heimat-Bilder der anderen Art: Die Aschenbilder.

Mensch, bedenke, dass du Staub bist…

Aber die Asche ist grün: Leben wächst aus der Asche.

Glasbilder:

Sie zeigen Glasberge – und damit die Zerbrechlichkeit auch der Natur. Aber Hans Seifert will sie nicht als ängstliche Warnung verstanden werden, sondern als Aufruf zur Behutsamkeit.

Das letzte Heimatbild steht am Ende der Ausstellung: „Auf Christus hin“

Es liegt zwischen zwei Kirchenbildern – kreuz und quer.

Hans hätte die Bilder am liebsten auf den Kopf gestellt als Zeichen für alles, was in der Kirche derzeit auf dem Kopf steht.

Aber in der Mitte steht das Wesentliche, ein Lieblingsbild von Hans: „Auf Christus hin“. Das war auch ein Leit-Gedanke seiner heurigen Wanderung auf dem Jakobsweg am Ziel in Finis terrae: Bereit zur Heimkehr, wann und wohin auch immer.

Mit diesen Gedanken entlasse ich Sie in Ihren persönlichen Rundgang, ihren Bedenk-Weg kreuz und quer.

Hans Seifert danke ich für die Bilder – mögen noch viele kommen, wachsen und reifen.

Mag.a Elisabeth Rathgeb

Seelsorgeamtsleiterin der Diözese Innsbruck

Anschrift

Hans Seifert
Fanggasse 8
A-6067 Absam
Tirol, Austria
+43 664 10 61 584

info@seifert-hans.at


Ausstellung "Auf den zweiten Blick"

Raiffeisengalerie Telfs

Untermarktstraße 3, 6410 Telfs

07.November 2019, 19:00 Uhr - 13.Dezember 2019


Alle Rechte vorbehalten Hans Seifert